3.
Sarah!« Hannah Drake warf sich ihrer Schwester in die Arme. »Es ist ja so schön, dich zu sehen. Du hast mir sehr gefehlt.« Sie trat zurück und hielt Sarah auf Armeslänge von sich, um sie genauer zu betrachten. »Sarah, du siehst aus wie ein Fassadenkletterer, der sich gerade auf den Weg macht, um das örtliche Museum auszurauben. Ich wusste noch gar nicht, dass Frank Warners Gemälde inzwischen wertvoll sind.« Sie lachte fröhlich über ihren eigenen Scherz.
Sarah fiel in ihr Gelächter ein. »Ich hätte mir ja denken können, dass du dich um zwei Uhr nachts klammheimlich ins Haus schleichst. Das ist mal wieder typisch für dich, Hannah. Wo warst du diesmal?«
»In Ägypten. Es ist kaum zu fassen, wie schön dieses Land ist.« Hannah ließ sich matt auf die Schaukel sinken, die auf der Veranda hing. »Aber ich bin total erledigt. Die Rückreise hat ewig gedauert.« Sie betrachtete Sarahs hautengen schwarzen Overall mit einem Stirnrunzeln. »Wirklich sehr interessant, dieses Spezialwerkzeug, mit dem du dich ausgerüstet hast, Schwesterchen. Ich werde doch keine Kaution hinterlegen müssen, damit sie dich aus dem Gefängnis freilassen, oder? Ich bin nämlich wirklich müde, und falls die Polizei sich melden sollte, könnte es passieren, dass ich vom Klingeln nicht wach werde.«
Sarah rückte ohne jede Spur von Verlegenheit den Gürtel mit den Spezialwerkzeugen zurecht, den sie sich um die Hüften geschnallt hatte. »Wenn ich es nicht schaffe, einen Polizeibeamten zu becircen und ihm auszureden, dass er mich für einen kleinen Einbruch einbuchtet, dann habe ich den Namen Drake nicht verdient. Geh ins Haus, Hannah, und leg dich schlafen. Ich mache mir Sorgen um unseren Nachbarn und ich glaube, ich werde mich mal kurz umsehen, damit ich sicher sein kann, dass ihm nichts zustößt.«
Hannah zog eine Augenbraue hoch. »Um Himmels willen, Sarah. Ein Mann? Es gibt einen leibhaftigen Mann in deinem Leben? Wo ist er? Ich komme mit.« Sie rieb sich die Hände und strahlte über das ganze Gesicht. »Ich kann es kaum erwarten, den anderen von ihm zu erzählen. Die legendäre Sarah hat es erwischt!«
»Mich hat es nicht erwischt – fang bloß nicht mit diesem Blödsinn an, Hannah. Ich habe lediglich eine meiner Ahnungen, einen leisen Verdacht, nichts weiter, und dem werde ich nachgehen. Mit Damon hat das nicht das Geringste zu tun.«
»Oh, das wird ja immer interessanter. Damon, so, so. Du erinnerst dich also an seinen Namen. Wie hast du ihn kennengelernt? Jetzt leg schon los, Sarah. Ich will alles ganz genau wissen, bis in die kleinste Einzelheit.«
»Es gibt nichts zu erzählen. Er tauchte hier auf und hat sich erkundigt, welche Farbe und welches Holzschutzmittel wir verwenden.« Sarahs Tonfall war distanziert und zurückhaltend.
»Du willst mir doch nicht etwa erzählen, er sei als ungeladener Gast auf unser Grundstück spaziert? Du musst ihn eingeladen haben. Andernfalls wäre er gar nicht bis zum Haus gekommen.«
»Nein, eben nicht«, stritt Sarah ab. »Das Tor stand tatsächlich offen und die Hunde haben ihn reingelassen.«
»Das Tor hat sich von selbst geöffnet?«, fragte Hannah ungläubig. Sie sprang auf. »Ich komme mit dir, so viel steht schon mal fest.«
»Nein, das wirst du nicht tun. Du bist restlos erschöpft, oder hast du das schon wieder vergessen?«
»Warte nur, bis ich den anderen erzähle, dass sich das Tor für ihn geöffnet hat.« Hannah hob ihre Arme zum Himmel und den Sternen. »Das Tor öffnet sich nur für den Richtigen, so ist es doch, oder nicht? ›Schwingt beim Nahen eines Gastes freudig auf das Tor, steht für der Schwestern Älteste der Richtige davor.‹ Du hast die Liebe deines Lebens gefunden!«
»Ich glaube nicht an diesen Unsinn. Das weißt du doch.« Sarah bemühte sich, finster zu schauen, aber sie musste gegen ihren Willen lachen. »Ich fasse es nicht, dass dir dazu sofort diese alte Prophezeiung einfällt.«
»Als ob sie dir nicht selbst sofort wieder eingefallen wäre«, sagte Hannah spöttisch. »Aber nein, du ziehst einfach nur mitten in der Nacht los und kundschaftest die Umgebung seines Hauses aus, wie es jeder gute Nachbar täte. Wenn du das sagst, glaube ich dir natürlich. Ist dieses Fernrohr oben auf der Brüstung zufällig auf sein Schlafzimmer gerichtet?«
»Wage dich bloß nicht zu nah an das Fernrohr heran«, drohte Sarah.
Hannah sah ihr lange ins Gesicht. »Du lachst, aber das Lachen erreicht deine Augen nicht. Was ist los, Sarah? Hier stimmt doch etwas nicht.« Sie legte ihrer Schwester eine Hand auf die Schulter. »Sag es mir.«
Sarah zog die Stirn in Falten. »Er trägt das Mal des Todes. Ich konnte es deutlich erkennen. Und er hat ihn in dem Mosaik gesehen. Ich weiß nicht, wessen Tod, aber ich fühle mich zu ihm hingezogen. Sein Herz ist gebrochen und durchbohrt und die Last des Todes drückt ihn nieder. Mit der Zeit wird ihn diese schwere Bürde zermalmen. Er hat einen roten Ring um den Mond herum gesehen.«
»Er ist also von Gewalttätigkeit und Tod umgeben«, sagte Hannah leise. »Warum gehst du allein zu ihm?«
»Ich muss es tun. Das ist kein Job wie alle anderen, Hannah. Es geht um ihn.«
»Er könnte gefährlich sein.«
»Er ist von Gefahren umzingelt, aber falls er mir gefährlich werden sollte, dann nicht so, wie du dir das vorstellst.«
»Ach du meine Güte, du magst diesen Kerl wirklich. Du findest ihn scharf. Das werde ich den anderen erzählen. Und jetzt gehe ich auf die Aussichtsplattform, um mir selbst ein Bild von ihm zu machen.« Hannah wandte sich um, flitzte ins Haus und knallte das Fliegengitter hinter sich zu, damit Sarah ihr nicht gleich folgen konnte.
Sarah warf ihrer Schwester lachend eine Kusshand zu und stieg die Stufen hinunter. Hannah war groß und braun gebrannt und wunderschön. Wie immer sah sie blendend aus, sogar nach einem Transatlantik-Flug. Wenn ihr welliges Haar zerzaust war, bot sie einen todschicken Anblick. Andere Frauen blätterten ein Vermögen dafür hin, sich den lässigen Look zuzulegen, den Hannah von Natur aus hatte. Sarah war schon immer ungewöhnlich stolz auf Hannahs angeborene Eleganz gewesen. Ihr Temperament war überschäumend und ihr Geist funkelte so hell wie die Sterne am Himmel. Sie war für alles aufgeschlossen und sehnte sich nach grenzenloser Weite und den Wundern, die die Welt zu bieten hatte. Sie beherrschte mehrere Sprachen fließend und unternahm ausgedehnte Reisen. Es konnte leicht passieren, dass sie gemeinsam mit dem Jetset auf den Seiten einer Zeitschrift abgebildet war, doch schon im nächsten Monat fand man sie auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte in Kairo. Sie war groß und schlank und aufgrund ihrer eleganten Haltung und ihres Auftretens sehr gefragt. Dazu kam noch ihr unglaublich schönes Gesicht, das sie für jede Zeitschrift und für jeden Modedesigner unwiderstehlich machte. Aber vor allem fühlten sich die Menschen zu ihr hingezogen, weil ihre Ausstrahlung so sanftmütig war. Sarah war sehr froh darüber, dass Hannah nach Hause gekommen war.
Sarah bewegte sich nahezu geräuschlos über den schmalen Wildpfad, der sich durch ihr Grundstück zog und auch durch Damon Wilders Grundstück führte. Sie kannte jeden Quadratmeter ihres und seines Landes in- und auswendig. Ihr Haar war zu einem straffen Zopf geflochten, damit es nicht an tiefen Ästen oder dornigem Gestrüpp hängen blieb. Ihre leichten Schuhe hatten weiche Sohlen, durch die sie den kleinsten Zweig und dürres Laub fühlen konnte, als sie sich vorantastete. Sie dachte nicht an Damons breite Schultern und auch nicht an seine gequälten dunklen Augen. Und sie glaubte auch nicht an Romanzen. Für sie kam das nicht in Frage. Das war etwas für die elegante Hannah oder die schöne Joley. Nun ja, vielleicht nicht gerade für die schöne, sondern vielmehr wilde Joley, aber ganz entschieden für die meisten ihrer Schwestern. Nur war es eben nichts für Sarah.
Damon Wilder steckte in Schwierigkeiten, doch er ahnte nicht, wie viele zusätzliche Komplikationen er sich eingehandelt hatte. Sarah mochte keine Komplikationen. Prophezeiungen aus uralter Zeit, breite Schultern und eine dunkle Aura stellten ganz eindeutig Komplikationen dar. Der Mondschein fiel schimmernd auf das Meer, als sie dem schmalen Pfad über den Klippen folgte, der sich nach einer Weile zur Grundstücksgrenze hinabschlängelte. Die Brandung rollte tosend an und die Wellen wurden immer höher, bevor sie das Land überspülten, sich brachen und schäumende Gischt aufsprühen ließen. Sarah empfand die Geräusche des Meeres als beruhigend, selbst dann, wenn ein Sturm aufkam und die Wogen tobten und wüteten. Sie gehörte hierher, genauso wie vor ihr frühere Generationen ihrer Familie. Sie fürchtete weder das Meer noch entlegene Gegenden, und doch pochte ihr Herz von einem Moment auf den nächsten vor Sorge. Ihre hundertprozentige Gewissheit ließ es noch heftiger schlagen.
Sie wusste ganz genau, dass sie nicht die Einzige war, die durch die Nacht schlich. Sie war hier draußen nicht allein. Instinktiv kauerte sie sich zusammen, um sich nicht als Silhouette gegen den Horizont abzuzeichnen. Sie bewegte sich mit größerer Sorgfalt voran, verschmolz mit den Schatten und benutzte das Laub als Deckung. Verstohlen schlich sie näher. Sie war an heimliche Manöver gewöhnt und verstand es, sich zu tarnen, denn schließlich war sie ein Profi und hatte eine glänzende Ausbildung absolviert. Kein Laut war zu vernehmen, wenn die Zweige über ihren engmaschigen Overall glitten und ihre Schuhe mit den Kreppsohlen lautlos über den Boden schlichen.
Sarah arbeitete sich bis dicht an das Haus vor. Sie wusste alles über Damon Wilder. Er war einer der klügsten Männer auf dem ganzen Planeten. Von unschätzbarem Wert für die Regierung. Er hatte im Alleingang eines der innovativsten Verteidigungssysteme ausgeklügelt, die jemals ersonnen worden waren. Seine Ideen waren schlichtweg genial und seiner Zeit weit voraus. Er war nüchtern und zuverlässig, besaß einen glasklaren Verstand und enorme Konzentration, und er verlor sein Ziel nicht aus den Augen. Ein Perfektionist, der nie auch nur das kleinste Detail übersehen hätte.
Als die Regierung mit dem Ansinnen an sie herangetreten war, seine Überwachung zu übernehmen, hatte sie seine Akte gelesen, bevor sie den Auftrag angenommen hatte. Mehr als alles andere an dieser Lektüre hatten sie seine ungeheure Verlässlichkeit und seine Charakterstärke beeindruckt. Nachdem sie ihm jetzt persönlich begegnet war, litt sie mit dem Mann und konnte nachvollziehen, wie entsetzlich es für ihn gewesen sein musste, die Dinge durchzumachen, die er durchgemacht hatte. Sie achtete stets darauf, ihre Arbeit fein säuberlich von ihrem Privatleben zu trennen, und doch dachte sie gegen ihren Willen immer wieder an seine Augen und die Qualen, die sie in deren finsteren Tiefen sehen konnte. Und sie fragte sich unwillkürlich, warum sich der Tod an seine Fersen geheftet hatte und sich mit gierigen Klauen an ihn klammerte.
Sarah nahm nur sehr selten Aufträge dieser Art an, aber sie wusste selbst, dass ihre Tarnung perfekt war, einfach ideal. Besser ging es gar nicht. Als hätte es von vornherein so kommen müssen. Und genau das ließ ihr einen kleinen Schauer über den Rücken laufen. Das Schicksal, die Vorbestimmung, oder wie auch immer man es nennen wollte, war eine Kraft, die man in ihrer Familie nicht unterschätzen durfte. Und es war ihr jahrelang gelungen, sich diesem Einfluss geschickt zu entziehen. Damon Wilder hatte sich ausgerechnet ihre Heimatstadt als festen Wohnsitz ausgesucht und sich dort niedergelassen. Was hatte das zu bedeuten? Sarah glaubte nicht an merkwürdige Zufälle.
Ihr blieb keine Zeit, das Haus zu umrunden oder sich auf der Küstenstraße umzusehen. Als sie sich dem Haus von der Seite aus näherte, die dem Haus ihrer Familie zugewandt war, hörte sie einen gedämpften Fluch. Sarah schlich dem Geräusch entgegen, ließ sich auf den Bauch sinken und blieb in den tieferen Schatten der Bäume flach auf dem Boden liegen. Sie hob behutsam den Kopf. Nur ihre Augen bewegten sich, rastlos und unablässig, während sie die Gegend absuchte. Es dauerte ein Weilchen, bis sie ihre Gegner ausfindig gemacht hatte. Auf dem Hang, der von der Straße hinabführte, konnte sie, nicht mehr als zwölf Meter entfernt, mitten im dichtesten Gestrüpp zwei Männer erkennen. Sarah verspürte den Drang zu lächeln. Sie hoffte um der Männer willen, dass sie die Zeckenhalsbänder ihrer Hunde trugen.
Sie blieb im Gebüsch liegen und begann mit ihren Händen ganz langsam ein kompliziertes Muster zu beschreiben. Der geschickte Tanz ihrer Finger ließ das Laub rascheln und brachte kleine Zweige in Bewegung, als seien sie lebendig geworden. Winzige stumme Kreaturen ließen sich von hohen Ästen fallen, sanken von Blättern herab, stießen sich vom Boden ab und wanderten in Strömen den Hang hinunter und auf das dichteste Gestrüpp zu.
Sarah wusste, dass es sich bei dem einzigen erleuchteten Fenster in Damons Haus um ein Schlafzimmerfenster handelte. Wenn das Fernrohr auf der Brüstung der Aussichtsplattform ihres Hauses zufällig in diese Richtung wies, dann lag das nur daran, dass sie dieses Zimmer als Letztes überprüft hatte. Es war reiner Zufall, dass es ausgerechnet Damons Schlafzimmer war. Sarah warf einen Blick zurück auf das Haus ihrer Familie, das über den tosenden Wellen aufragte, denn plötzlich hatte sie den Verdacht, Hannah könnte wie angewurzelt am Fernrohr stehen und alles gebannt beobachten.
Sie zischte leise und melodisch einen nahezu stummen Ton, der einen Befehl übermittelte. Der Wind fing ihn auf und trug ihn über das Meer hinaus und zu dem Haus auf der Klippe. Das Geräusch, mit dem Stoff Holz und Laub streifte, zog sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie beobachtete, wie einer der Männer rasch den Hang hinunterkrabbelte, an dessen unterem Ende Damons Haus stand. Er kauerte sich direkt unter das erleuchtete Fenster und hob dann vorsichtig den Kopf, um hineinzuschauen.
Das Schiebefenster war nicht ganz geschlossen, damit die Meeresluft durch einen Spalt ins Haus gelangen konnte. Die Brise ließ die Kettenstichgardinen nach innen flattern und einen gespenstischen Tanz vollführen. Die wehenden Gardinen machten es so gut wie unmöglich, einen Blick in das Zimmer zu werfen und sich ein klares Bild davon zu machen, was sich dort tat. Der Mann richtete sich noch etwas weiter auf, presste seinen Körper flach an die Hausmauer und bog den Kopf zurück, um hineinzulugen.
Sarah konnte erkennen, dass der zweite Mann auf dem Hauch lag, sich auf die Ellbogen gestützt hatte und ein Gewehr auf das Fenster gerichtet hielt. Sie bahnte sich behutsam einen Weg durch die niedrigen Gräser und bewegte sich im Einklang mit dem Wind, der über das Land strich. Der Mann, der sein Gewehr auf das Fenster gerichtet hielt, ließ sein Ziel keinen Moment lang aus den Augen. Nicht die kleinste Zuckung und der Lauf des Gewehrs hielt vollkommen still. Demnach war er ein Profi. Das hatte sie erwartet, und doch hatte sie gehofft, dass sie sich irrte. Sie konnte sehen, wie die winzigen Insekten in seine Kleidungsstücke krochen.
Über ihrem Kopf brach der Mond durch die Wolken und drohte sie zu entlarven. Sie schlängelte sich durch das Gras und die Brombeersträucher noch etwas näher an den Mann heran und zog erst dann ihre Pistole aus dem Schulterhalfter.
Als er ein leises Geräusch hörte, das aus dem Zimmer drang, hob der Angreifer am Fenster eine Hand, um seinen Partner zu warnen. Er lugte durch die Scheibe, weil er versuchen wollte, Damons genauen Standort auszukundschaften. Hin lautes Knacken war zu vernehmen, als Damons Gehstock fest auf seinem Kiefer landete. Der Mann schrie augenblicklich auf und sein schriller Schrei hallte durch die Nacht. Er fiel rücklings auf den Boden und hielt sich das Gesicht, wälzte sich herum und krümmte sich vor Schmerzen.
Sarah ließ seinen Partner mit dem Gewehr nicht aus den Augen. Er wartete darauf, dass Damon ans Fenster treten und sich eine Blöße geben würde. Doch Damon war viel zu klug, um eine solche Dummheit zu begehen. Die Gardinen setzten ihren makabren Tanz fort, aber ansonsten rührte sich nichts in der Nacht. Unter dem Fenster ertönte weiterhin das Stöhnen des Verletzten, doch der Angreifer zog sich nicht auf die Füße.
Der Schütze kroch auf dem Bauch vorwärts und rutschte auf dem nassen Gras aus, hielt sein Gewehr aber selbst dann noch fest, als er ins Rollen kam. Das war der Schnitzer, auf den Sarah gewartet hatte. Sie stürzte sich sofort auf ihn und presste ihm ihre Pistole in den Nacken.
»Ich schlage vor, dass Sie jetzt ganz ruhig liegen bleiben«, sagte sie leise. »Sie haben ein Privatgrundstück widerrechtlich betreten und so etwas mögen wir hier in dieser Gegend nicht besonders gern.« Während sie mit ihm sprach, behielt sie den Mann vor dem Fenster im Auge. Jetzt erhob sie ihre Stimme. »Damon, hast du den Sheriff schon angerufen? Du hast hier draußen zwei nächtliche Besucher, die eventuell für ein paar Tage eine Unterkunft brauchen, und ich habe gehört, das Gefängnis stünde heute Nacht leer.«
»Bist du das, Sarah?«
»Ich habe einen kleinen Spaziergang gemacht und dabei zufällig ein Hochleistungsgewehr mehr oder weniger auf dem Boden herumliegen sehen.« Sie trat dem Mann, den sie gefangen genommen hatte, das Gewehr aus den Händen. »Es ist ein echtes Prachtexemplar und ich konnte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, es mir aus der Nähe zu betrachten.« Ihre Stimme klang belustigt, doch die Mündung ihrer Pistole blieb weiterhin fest auf den Nacken ihres Gefangenen gepresst. »Du solltest bleiben, wo du bist, Damon. Sie sind zu zweit und sie scheinen ziemlich schlecht drauf zu sein.« Sie beugte sich noch etwas näher zu dem Mann hinunter, der auf dem Boden lag, behielt dabei jedoch seinen Partner am Fenster im Auge. »Sie wollen das sicher selbst überprüfen, sowie Sie im Gefängnis ankommen, aber wahrscheinlich krabbeln zahllose Zecken auf Ihnen herum. Das sind wirklich ekelhafte kleine Biester. Sie bohren sich in Ihre Haut, trinken Ihr Blut und verursachen alle möglichen interessanten Krankheiten, von Gehirnhautentzündung bis hin zur Lyme-Krankheit. In dem Strauch, unter dem Sie sich versteckt haben, wimmelt es nur so von ihnen.«
Ihr Herz trommelte immer noch einen warnenden Rhythmus. Dann begriff sie es plötzlich. Sarah warf sich nach rechts und wälzte sich rasch aus dem Weg, obwohl sie bereits das Pfeifen der Kugeln hörte, die dicht an ihr vorbeisausten und dumpf in den Boden einschlugen. Natürlich mussten sie einen dritten Mann haben, einen Fahrer, der in der Dunkelheit oben auf der Straße wartete. Ihr war keine Zeit mehr geblieben, um die Gegend gründlich auszukundschaften. Es war absolut einleuchtend, dass sie einen Fahrer hatten, der einsprang, falls sich die Notwendigkeit ergeben sollte.
Der Mann neben ihr zog sich auf die Füße, ließ sich auf sie lallen und wollte Sarah ihre Pistole entreißen. Es gelang ihr jedoch, ein Knie anzuwinkeln und es ihm so fest in den Hauch zu rammen, dass er über ihren Kopf flog. Sie spürte den brennenden Schmerz, als ihr Ohrring, der sich in seinem Hemd verfangen hatte, aus ihrem Ohrläppchen gerissen wurde. Der Mann stieß abscheuliche Flüche aus, während er sich aufrappelte und schleunigst in Richtung Straße raste. Derjenige, der dem Haus am nächsten war, hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und wankte den Hügel hinauf. Dabei hielt er sich immer noch mit beiden Händen den Kiefer. Der Fahrer gab ihnen Deckung, indem er Sarah durch einen Kugelhagel auf dem Boden festhielt. Der Schalldämpfer ließ darauf schließen, dass die Männer nicht den geringsten Wunsch verspürten, die Einwohner des Städtchens auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen.
»Sarah? Ist bei dir dort draußen alles in Ordnung?«, rief Damon besorgt. Selbst der Schalldämpfer konnte nicht verhindern, dass er das verräterische Pfeifen der Kugeln hörte.
»Ja.« Sie war empört über sich selbst. Sie konnte hören, wie der Motor eines Wagens brüllend ansprang und die Reifen im ersten Moment im Schlamm durchdrehten, bevor sie griffen und das Fahrzeug die Küstenstraße hinunterraste. »Tut mir leid, Damon, ich habe sie entkommen lassen.«
»Dir tut es leid? Es hätte dich das Leben kosten können, Sarah. Und im Übrigen habe ich den Sheriff nicht angerufen. Ich hatte gehofft, es seien Kinder aus der Nachbarschaft, die mir einen Streich spielen wollten.«
»Und ich habe dich für einen brillanten Mann gehalten«, sagte sie spöttisch. Sie setzte sich auf und zupfte kleine Zweige aus ihrem Haar. Als sie ihr brennendes Ohr anfasste, merkte sie, dass es stark blutete. Warum hatte es ausgerechnet ihr Lieblingsohrring sein müssen?
Die Gardinen raschelten und Damon streckte den Kopf aus dem Fenster. »Wollen wir uns weiterhin über diese Entfernung unterhalten oder kommst du endlich rein und redest mit mir.« Seine Stimme war eher fordernd als fragend.
Sarah lachte leise. »Hältst du das wirklich für eine gute Idee? Kannst du dir vorstellen, was Inez sagen würde, wenn sie wüsste, dass ich dich mitten in der Nacht besucht habe?« Sie griff nach dem Gewehr und achtete sorgsam darauf, es mit einem Taschentuch anzufassen. »Sie würde dich aushorchen, um in Erfahrung zu bringen, ob du ernsthafte Absichten hast. Dann müsstest du jegliche Absichten leugnen. Es würde sich schnell herumsprechen, dass du mich entehrt hast, und dann würde ich bemitleidet. Das wäre mir unerträglich. Es ist besser, wenn ich mich still und leise wieder nach Hause schleiche.«
Damon beugte sich weiter aus dem Fenster hinaus. »Verflucht noch mal, Sarah, ich finde das gar nicht komisch. Es hätte dich das Leben kosten können. Ist dir das überhaupt klar? Diese Männer waren gefährlich und du treibst dich im Mondschein hier draußen herum, machst einen kleinen Spaziergang und spielst Hobbydetektiv.« Seine Stimme klang barscher, als er beabsichtigt hatte, aber Sarah hatte ihm einen wahrhaft teuflischen Schrecken eingejagt. Er rieb sich mit einer Hand das Gesicht und ihm wurde übel bei dem Gedanken, dass sie in Gefahr geschwebt hatte.
Ich war nicht in Gefahr, Damon«, beteuerte ihm Sarah. Falls es dich interessiert, dieses Gewehr ist mit Betäubungspfeilen geladen, nicht mit scharfer Munition. Zumindest haben sie nicht versucht, dich zu töten. Sie wollten dich lebend haben.«
Er seufzte. Sie saß seelenruhig auf dem Boden und der silberne Mondschein fiel auf sie. Das Gewehr lag lässig auf ihren Knien und sie lächelte ihn an. Sarahs Lächeln reichte aus, damit einem Mann das Herz stehen blieb. Damon sah sich ihre Kleidung und die Pistole, die sie noch in der Hand hielt, genauer an. Er nahm eine steife Haltung ein und fluchte leise. »Der Teufel soll dich holen, Drake. Ich hätte mir ja gleich denken können, dass es zu schön gewesen wäre, um wahr zu sein.«
Dann kennst du also die Geschichten über mich, Damon?«, fragte sie. Ein leises Grauen begann sich einzuschleichen, obwohl ihr ganz egal sein konnte, was er von ihr hielt. Oder was er über sie wusste. Sie hatte einen Auftrag angenommen. Alles andere sollte ihr gleichgültig sein. Und doch senkte sich ein Gewicht auf ihre Brust herab, so schwer wie ein Stein, und in ihrer Magengrube regte sich die Furcht, etwas ganz Besonderes zu verlieren, ehe es auch nur begonnen hatte.
»Wer hat dich geschickt, Sarah? Tisch mir bloß keine Lügen auf. Für wen arbeitest du?«
»Hast du im Ernst geglaubt, nach allem, was passiert ist, würden sie dich ohne irgendwelche Schutzmaßnahmen dir selbst überlassen, Damon?« Sarah achtete sorgsam darauf, keine Spur von Mitgefühl in ihre Stimme einfließen zu lassen, denn sie wusste, dass ihn das nur noch mehr erbost hätte.
Er fluchte erbittert. »Ich habe denen doch ausdrücklich gesagt, ich dächte gar nicht daran, die Verantwortung für weitere Tote auf mich zu nehmen. Verdammt noch mal, Sarah, verschwinde von meinem Grundstück und komm bloß nie mehr wieder.« Tief in seinem Innern setzte ganz und gar unerwartet ein teuflischer Schmerz ein. Er hatte sie gerade erst kennengelernt. Die Hoffnung hatte noch keine klare Gestalt angenommen, und doch war sie nicht zu leugnen gewesen. Jetzt fühlte er sich verraten, und seine Sarah, die geheimnisvolle Sarah mit dem wunderschönen Lächeln und den lügenden Augen, hatte ihm, Damon, diesen Funken der Hoffnung genommen, bevor es ihm gelungen war, sich selbst zu finden.
»Ich kann Ihnen versichern, Mr. Wilder«, sagte sie und ließ absichtlich Entrüstung in ihren Ton einfließen, »ich bin ungeachtet der Tatsache, dass ich eine Frau bin, sehr wohl in der Lage, meinen Auftrag auszuführen.« Damit versuchte sie die Auseinandersetzung in eine andere Richtung zu lenken.
»Mir ist ganz egal, wie gut Sie Ihre verdammte Arbeit machen oder was Sie sonst noch können. Verschwinden Sie von meinen Grundstück, bevor ich den Sheriff rufe und Sie wegen unbefugten Betretens verhaften lasse.« Damon knallte das Fenster mit einer entsetzlichen Endgültigkeit zu. Das Licht ging aus, als ließe sich damit jede Verständigung zwischen ihnen unterbinden.
Sarah blieb auf dem Boden sitzen und starrte mit schwerem Herzen das dunkle Fenster an. Das Meer rauschte und dröhnte mit unaufhörlicher Beständigkeit. Der Wind riss an Sarahs Haaren und Wolken zogen vorüber. Sie winkelte die Knie an und kam zu dem Schluss, Prophezeiungen aus alter Zeit sollten niemals von einer Generation an die nächste weitergereicht werden. Wenn man das unterließ, konnte man nämlich nie enttäuscht werden.